Männerschnupfen

von Zimelie

Es war am Samstagabend. Ich stand bei meiner Freundin in der Küche und wir unterhielten uns über alle die schönen Dinge des Lebens. Auch über die kürzlich von uns Gegangene, deren Lebensmotto stets war, „herrlich unvernünftig“ zu sein. Das Leben in vollen Zügen zu genießen, mit einem Glas Prosecco in der Hand, um anstoßen zu können. Männer in Uniformen anzuhimmeln. Hatte ich an diesem Abend auch noch vor, herrlich unvernünftig zu sein. Ich hatte kinderfrei und einen Plan des Abends. Die Worte „Hast du eigentlich gehört? Magen-Darm-Grippe geht um….?“ prallten an mir ab. Weder meine Kleine, noch meine Große, geschwiege denn ich, waren und wurden jemals davon erwischt. Dass die Worte das Motto der Woche werden würden, ahnte ich ja noch nicht.

Der Abend wurde herrlich unvernünftig. Manchmal bin ich überrascht, wie schnell Menschen miteinander in Kontakt treten. Da erinnere ich mich an meine Freundin, die vor mir zappelte und mich zum Tanzen animieren wollte. Ich akquirierte schnurstracks einen kompatibleren Tanzpartner und konnte herrlich unvernünftig mit dessen Begleitung sitzen und anstoßen. Interessanterweise war ich dann doch irgendwann beim Tanzen, auch noch auf Electro (?!?), in den Armen von Mr. Unschön, einem völlig anderen Mann, der so schön tanzte, dass auf einmal der ganze Moment schön war, solang ich meine Augen geschlossen hielt. Der Kuss, zudem ich mich dann noch sogar hinreißen ließ, war es nicht, so fiel es mir nicht schwer, Mr. Unschön wieder alleine zu lassen. So schnell enden Illusionen – fast hätte ich mich von der Musik, der Stimmung und seinen Tanzkünsten einlullen lassen. Aber nein, ich hatte ja noch ein Date. Mein Trumpf im Ärmel.

Meine Freundin war in besten Händen, so konnte ich die Location getrost verlassen und traf mich mit einem Mann meiner Altersklasse. Gar keine so schlechte Partie aber bereits jetzt Geschichte. Schade eigentlich. Trug er doch, wie ich erfuhr, Uniform und war außer Dienst so herrlich unvernünftig. Und am Sonntagmorgen erreichte mich die Nachricht vom Papa, die Kleine sei krank und wolle nach Hause. Bester Laune empfing ich sie – unwissend, was mich erwarten würde.

Mit ihr brach eine Welle der Viren, Pilze und Bakterien in unser Zuhause, ich war der festen Hoffnung, dass sie sich dieser bereits beim Papa entledigt hatte. Oh nein. Sie brachte alle, alle, dahin mit, wo es am schönsten war – zuhause. Als ich mich am Montagmorgen noch selbstsicher von der Arbeit mit den Worten: Meine Tochter ist krank, ich komme vermutlich Mitte der Woche wieder entschuldigte, spürte ich bereits all das Böse in mir hochkrabbeln. Fieber. Ich konnte es spüren. Fieber. Gefolgt von Kraftlosigkeit. Und so begann eine Woche, die sich innerhalb kürzester Zeit von 0 auf 100 im Minutentakt steigerte. Es folgten Stunden des Wunsches, bitte sterben zu dürfen, schichtweiser Betreuungswechsel meiner Kleinen, die zusehends gesundete und alles, aber auch alles, was der Gesundheit nicht zuträglich erscheint, der Mama überließ in der Hoffnung, sie manage das besser. Ich hatte nur noch einen Wunsch: ein weißes Bett, fleißige Krankenschwestern und eine 3000ml Infusion direkt in meine Vene.

Damit stand ich dann am Schalter der Notaufnahme. Versuchte, mich als hilfsbedürftige MS-Kranke, fatiguegeplagt, anzubiedern, verschwieg die Hälfte meiner Symptomatik, in der Hoffnung, sanft aufgenommen, diagnostiziert und umsorgt zu werden. „Das höre ich schon den ganzen Tag!“ entgegnete mir der durchaus ansehliche junge Arzt. In Arztuniform. Statt einer tröstenden männlichen Umarmung bekam ich eine Pritsche im Gang, eine Gummimatratze, sehr kalt, eine 1000ml Infusion und, als ich zitterte und mit meinem Mantel zudeckte, eine Decke. Kein Kopfkissen. Eine Decke. Nach insgesamt 1000ml Flüssigkeit, 62mg Vomex und einer kleinen Ampulle Schmerzmittel für undefinierbare Schmerzen im Rückenbereich wurde ich in „sehr gutem AZ“ nach 4 Stunden im Stehen schlafend entlassen. Ich finde, nach sehr gutem AZ sah ich gar nicht aus. Aber nun gut. Mit einer Salamisemmel in der Hand stand ich vor der Tür der Notaufnahme und musste gehen. Danke, sagte ich noch.

Die Gesundung ließ noch auf sich warten. Und so konnte ich nach 3 Tagen ununterbrochenen Verlustes sämtlicher Körperflüssigleiten aus allen Poren und Körperöffnungen das erste Mal wieder Stehen. Auf beiden Beinen. Und gab meiner Freundin im Kosmetikdöschen eine letzte Urinprobe liebevoll verpackt mit, die meine Hausärztin testete, die nötigen Arbeitgeberdokumente danach ausfüllte und mich die ganze Woche über an meine Zuhause banden. Insgesamt 4 Erwachsene betreuten uns in diesen 3 Tagen. Und zum Abschluss gab es Hühnersuppe. Gekocht von meiner Freundin wie bei ihr zuhause in Russland, magenschonend und wohltuend. Balsam für die Magenschleimhaut. Da fühlte ich mich wie bei Mama.

Als mein Bruder gestern anrief und ich ihn fragte, wie es ihm ginge, sagte er, schrecklich. Er habe Männerschnupfen. Und ich sagte, oh, ich glaube, ich könne eventuell nachvollziehen, wie Männerschnupfen sei, ich sei auch sehr krank gewesen, sogar so sehr, dass ich glaubte, so in etwa dürfte ein Männerschnupfen sein. Als ich gerade anfangen wollte, von der Wucht unangenehmer Schilderungen über die Ausscheidung sämtlicher Körpersäfte zu berichten, unterbrach er mich: „Du hast ja keine Ahnung!“ sagte er mit verstopfter Nase. Es gibt nichts Schlimmeres auf dieser Welt als Männerschnupfen. „Glaub mir!“ sagte er, „Nichts! ist so schlimm, wie ein Männerschnupfen! Ich glaube, ich gehe heute sogar früher vom Büro nach Hause!“ Bestimmt bekäme er ein Kissen, dachte ich. Bestimmt!!!!

Männerschnupfen

Damit endet dieser Sommer. Er war herrlich. Herrlich unvernünftig. Prost!